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Geige & Violine – was ist der Unterschied?

  • by Anatoli Bauer

Mein Großvater hat mir seine Violine geschenkt, aber die Musikschule bietet nur Geigenunterricht! Was mache ich nun? Der Ratschlag: Nimm die Violine und gehe zum Geigenlehrer. Denn Geige und Violine sind zwei Begriffe für ein und dasselbe Musikinstrument. Was es mit den zwei Begriffen auf sich hat, soll im Folgenden dargestellt werden.

Die Violine

Das Wort Violine stammt aus dem romanischen Sprachraum. So existierte in Italien seit etwa dem 11. Jahrhundert der Begriff Viola als Allgemeinbezeichnung für Saiteninstrumente.

Möglicherweise hat er sich aus dem mittellateinischen Begriff Vitula heraus entwickelt, der ebenfalls für Seiteninstrumente verwendet wurde, obwohl er eigentlich das lateinische Wort für „Kalb“ ist. Was hat nun das Kalb mit dem Saiteninstrument zu tun? Dies versteht, wer schon einmal ein Kalb auf der Weide hat umherspringen sehen: Welche Lebendigkeit und Freude in diesem Springen!

Das lateinische Verb hierzu ist vitulare, „springen wie ein Kalb“. Aber: Dasselbe Verb bedeutet auch, „einen Siegesgesang oder Lobgesang anzustimmen“. So stand wohl die Vitula allgemein für Saiteninstrumente, die für fröhliche, jubilierende Musik verwendet wurde, also durchaus für Tanzmusik. Die Viola ist ganz allgemein ein Saiteninstrument, prinzipiell für Tanzmusik. Und für ein kleines Saiteninstrument verwendete man das Diminutiv zu Viola, nämlich Violino.

Es gab die Viola-da-Braccio, ein Saiteninstrument, das auf dem Arm (Braccio) gehalten wurde, sowie die Viola-da-Gamba, die im Gegenzug zur Ersteren auf den Beinen (Gamba) gehalten wurde. Beide wurden als Streichinstrumente mit einem Bogen gespielt. Aus der Viola-da-Braccio entwickelte sich die heutige Form der Viola, wie man sie auch unter dem Namen Bratsche (-> Braccio) kennt. Die Violine ist eine kleine und um das Intervall einer Quinte höher gestimmte Viola.

Die Geige

Der Begriff Geige geht auf die germanische Sprachfamilie zurück. So tauchte bereits im 12. Jh. der Begriff Giga auf, der sich im Lauf der Zeit zu Gîge entwickelte. Bei der Gige handelt es sich um ein kleines, mittelalterliches Saiteninstrument mit zwei bis drei Saiten und einem gewölbten Boden. Es war vom skandinavischen Raum über die britischen Inseln bis nach Island hinauf verbreitet und findet sich auch in nordischen Sagen wieder. Vermutlich stammt die Gige von der Rebec ab, einem Instrument aus dem arabischen Raum, das wahrscheinlich mit den Mauren nach Europa gekommen ist.

Der Begriff Gige kann vom nordischen Wort Gígja abstammen, was mit „schneidender Ton“ übersetzt werden kann. „Schneidender Ton“ erinnert an den obertonreichen, scharfen, schneidenden Klang mittelalterlicher Streichinstrumente, die man heute noch hören kann. Gige kann aber auch auf das germanische gigan zurückgeführt werden, was soviel wie „hin- und herbewegen“ bedeutet.

Wortverwandtschaften findet man zum altnordischen geiga („schwenken“, „schwanken“), zum schweizerischen gieglen oder giegeln („purtzeln“ oder „sich wälzen“), oder zum tirolerischen geigern („schwanken“, „zweifeln“, „zaudern“). Alle diese Begriffe haben etwas zu tun mit schwenken, schwanken, oder hin- und herbewegen. Dies kann sowohl verstanden werden als die Bewegung des Bogens, mit dem das Instrument zum Klingen gebracht wird, als auch ein Hinweis auf die Verwendung des Instrumentes: nämlich zum Tanzen.

Da ergibt sich bezüglich der Verwendung eine Parallele zu der bereits erwähnten mittellateinischen Vitula: Die mögliche Funktion als Instrument für Tanzmusik. Man denke an den Barocktanz Gigue, einen äußerst lebhaften Tanz, der in vielen Barocksuiten, beispielsweise solchen von J.S. Bach, kunstvoll überliefert wurde. Er geht auf die Jig zurück, einen lebhaften, britischen Volkstanz. Die temperamentvoll „gefiedelten“ Tunes der irischen Musik mögen ein Andenken sein!

Eine Frage des Stils

Heute, in der modernen abendländischen Musik, haben wir weder die nordische Gige, noch die alte Vitula, sondern dasjenige, was sich aus beiden heraus entwickelt hat und was man gleichwohl Geige oder Violine nennt. Man darf dabei feststellen, dass der Begriff Violine eher eine gehobene Konnotation hat, während Geige ein bodenständiger, mehr volkstümlicher Begriff ist.

Man bedenke, dass im deutschen Sprachraum lange Zeit die italienische Sprache Grundlage der gehobenen Musikkultur war. Überblick man den reichen Schatz an Sprichwörtern, so findet sich in vielen die Geige, kaum jedoch die Violine: „Man hängt die Geige an die Wand“ oder „er muss immer die erste Geige spielen“ hat jeder schon gehört. Und man „geigt jemandem seine Meinung“ und „violiniert“ sie nicht. Möge aber im Fachhandel der feine Herr im schwarzen Frack eine Violine bestellen und der kleine Bub mit Baseball-Mütze eine Geige, so werden, abgesehen vielleicht von der Größe, beide dasselbe bekommen: Ein wunderschönes Streichinstrument, das eben der eine Violine, der andere Geige nennt.

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